Herzenssache
 

Foto: Tanja Kernweiß

Organspende

Herzenssache

Ein Kind hat einen schweren Unfall. Mit einem Schlag stehen die Eltern vor der Frage: Sollen sie die Organe ihrer Tochter spenden?

Von Nataly Bleuel

Am 17. Januar 2013 verlässt Franziska Ilzhöfer ihr Elternhaus, sie will zur Schule, es ist 7.30 Uhr und noch dunkel in Berlin-Lichtenrade. Einige Minuten später liegt die 14-Jährige mit schweren Kopfverletzungen am Straßenrand. Ein Auto hat sie erfasst. Der Notarzt kommt. Einen Tag später ist sie tot. Oder zwei? So eindeutig ist das nicht zu sagen. Es gibt für den Zeitpunkt des Todes eine medizinische Definition. Doch das Gefühl sagt mitunter etwas anderes.

Dorit Ilzhöfer, die Mutter, will gerade in ihre Kinderarztpraxis am Rande Berlins fahren, als der Polizist klingelt. Sie lacht ihn an auf ihre fröhliche schwäbische Art und denkt: Unsere Tochter, die Leistungsturnerin, Einserschülerin, dieses wunderbar soziale Mädchen soll was ausgefressen haben? Da liegt Franziska schon im Krankenhaus Neukölln und wird operiert.

»Am 18. Januar um 21.15 Uhr bekamen wir die Diagnose Hirntod«, sagt Dorit Ilzhöfer einige Monate später im Wohnzimmer ihres Hauses, »für mich ist sie aber erst am 20. Januar um 0.30 Uhr gestorben.« Da hört Franziskas Herz auf zu schlagen und ist acht Minuten später auf dem Weg zu einem anderen Menschen.

In dieser Geschichte wiegt jede Minute schwer und jedes Wort. Schon das Wort Geschichte wirkt unpassend. Immerhin geht es um den Tod eines Kindes. Und es geht um die Fragen: Wann ist der Mensch tot? Und wie kann Abschied gelingen?

Fragen, die sich stellen, seitdem es Maschinen gibt, die ein – man muss hier dieses hässliche Wort verwenden – Zeitfenster öffnen können: zwischen dem Gehirn und dem Herzen. Ein Zeitfenster, in dem das Hirn schon tot ist, aber das Herz noch am Leben gehalten wird: ein Zeitfenster, in dem man Organe entnehmen kann.

Um kurz vor neun, anderthalb Stunden nach dem Unfall, treffen die Eltern Dorit und Roland Ilzhöfer im Krankenhaus Neukölln ein. Ihre Tochter wird noch immer operiert. Um 11.20 Uhr öffnet sich die große weiße Tür des Operationssaales, der Neurochirurg Andreas Jödicke kommt heraus und sagt: »Wir haben gekämpft – aber diese Kopfverletzungen kann man nicht überleben.« Dorit Ilzhöfer blickt den Mann an und kann es nicht begreifen. Als Ärztin weiß sie doch, wozu die Medizin heute fähig ist. Sie denkt: Franzi hat das Herz einer Sportlerin, sie ist eine Kämpferin – mein Kind wird doch nicht sterben!

Am Abend des Unfalltages sind die Eltern auf der Intensivstation am Bett ihrer Tochter, sie hängt an Schläuchen und Maschinen, sie ist warm, sie scheint zu atmen. Doch Franziskas Gehirn hat »irreversible Schäden«. Das heißt, sagt Katrin Raff, Intensivmedizinerin der Station und Transplantationsbeauftragte des Krankenhauses Neukölln: »Mit hundertprozentiger Sicherheit wird keine Besserung eintreten.«

Nun muss der Hirntod diagnostiziert werden, und es kommt eine Frage auf die Ilzhöfers zu: Würden sie die Organe ihrer Tochter spenden? Die Eltern signalisieren: Ja.

Die Hirntoddiagnostik läuft an. Es ist ein Verfahren, das von zwei Ärzten unabhängig und mit zeitlichem Abstand wiederholt werden muss. Ein Hirntoddiagnostiker der Berliner Charité wird dazu gerufen, er hat nichts mit der etwaigen Transplantation zu tun. Beide Ärzte testen die Reflexe, die Atmung und die elektrische Aktivität des Gehirns. Das kann 12 bis 72 Stunden dauern.

Am nächsten Tag, dem 18. Januar, um 14.15 Uhr ruft die Transplantationsbeauftragte der Klinik im Berliner Büro der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) an. Dort hat Gunnar Urban Bereitschaft, er ist Internist und als Koordinator für die korrekte Übermittlung der Spenderorgane verantwortlich. Ein ernsthafter Mann mit grauen Haaren, der im nun möglichen Einsatz sehr viel Druck aushalten muss. Er erfährt von der »infausten Prognose« eines 14-jährigen Mädchens im Krankenhaus Neukölln. Infaust ist Latein und bedeutet hier: aussichtslos.

Urban erfährt, dass die Eltern im Ernstfall spenden würden, und benachrichtigt seine Kollegin Petra Saenger. Sie ist zum Zeitpunkt von Franziskas Tod die einzige Angehörigenbetreuerin der DSO in Deutschland und für die Region Nord-Ost zuständig: Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern. Saenger ist Intensivschwester und Katastrophenhelferin, sie begleitet die Angehörigen wie eine Therapeutin, erklärt ihnen die nächsten Schritte, ist für Fragen da und für Zweifel. Sie spricht auch über den Abschied und die Bestattung. Und sie will verhindern, dass die Angehörigen ihre Entscheidung später bereuen, denn sie weiß: »Manche stehen noch Jahre später am Grab und denken: Darin liegt eine ausgeweidete Hülle, die ich im Stich gelassen habe.« Saenger will die Angehörigen nicht alleinlassen, in einer Situation, die in einer Broschüre der DSO beschrieben ist als: »Die schwierigste Frage zum schmerzlichsten Zeitpunkt an die unglücklichste Familie.«

Das Transplantations-Gesetz von 1997 will, dass die Angehörigen nach dem mutmaßlichen Willen des potenziellen Organspenders entscheiden. Weniger als zehn Prozent der Menschen in Deutschland haben diesen Willen in einem Organspendeausweis kundgetan. Dort kann man auch sein Nein verzeichnen. Spenderorgane stammen – so sie nicht wie Nieren oder Teile der Leber von Lebenden gespendet werden können – überwiegend von hirntoten jungen Menschen, die einen Unfall mit schwerem Schädel-Hirn-Trauma hatten, einen Tumor oder eine Hirnblutung – mit der Diagnose Hirntod. In neun von zehn Fällen müssen die Angehörigen entscheiden. Und, so wünscht es das Gesetz: die Tragweite ihrer Entscheidung verstehen.

In Deutschland warten rund 11 000 Menschen auf ein Organ. Die Bereitschaft zu spenden ist stark zurückgegangen

»Am Abend des 18. Januar um 21.15 Uhr kam dann die Nachricht mit der Diagnose Hirntod«, sagt Franziskas Vater, »und man schaltet ab.« Er meint das emotional. Im Krankenhaus sprechen sie von diesem Zeitpunkt an nicht mehr von lebenserhaltenden Maßnahmen, sondern von organerhaltenden. Auch wird nicht mehr vom »Patienten« gesprochen, sagt die Intensivmedizinerin Katharina Raff. »Leichnam« sei allerdings auch nicht der richtige Ausdruck. Durch eine Leiche fließe kein Blut mehr. Eigentlich müsste man von dem Verstorbenen reden.

Nur wirkt der Mensch nicht wie ein Toter, nicht für die Angehörigen und auch nicht für diejenigen, die ihn noch operieren müssen. Die Mutter sagt: »Franziska lag da, äußerlich unversehrt, ihre Haut war warm, ihr Herz schlug, ihr Brustkorb bewegte sich.« Und die Mediziner und Schwestern müssen eine Operation durchführen, die nichts mit ihrem eigentlichen Auftrag zu tun hat: den Menschen, der vor ihnen liegt, zu retten.

Am Morgen des 19. Januar, zwei Tage nach Franziskas Unfall, fahren Urban und Saenger in die Klinik, um den Ilzhöfers möglichst ohne Druck zu erklären, was sie wissen müssen. Urban sagt: »Wenn ich den Eindruck hät te, die Angehörigen verstehen nicht, worum es geht oder sind sich untereinander nicht einig, dann würde ich, falls sich der Verstorbene nie zu der Frage geäußert hat, wegen der immensen Tragweite von einer Spende absehen.«

Franziskas Eltern haben sich mit dem Thema Organspende auseinandergesetzt. Roland Ilzhöfer arbeitet für eine Krankenversicherung, und Dorit Ilzhöfer kennt als Ärztin Patienten, die dringend auf Organe warten. Für beide ist klar: Spenden! »Franziska hätte das bestimmt auch gewollt«, sagt Roland Ilzhöfer, »und wir wollten anderen Familien ersparen, was uns selbst widerfahren ist.« Seine Frau fügt hinzu: »Etwas von Franziska sollte weiterleben – besonders ihr starkes Herz.« Nach dem Gespräch mit Urban und Saenger gehen die beiden für einige Stunden nach Hause. Dort haben sie ja noch ein Kind. Dorit Ilzhöfer kann noch immer nicht fassen, dass Franziska stirbt.

Gunnar Urban muss jetzt prüfen, welche Organe für eine Spende infrage kommen: Welche sind gesund, welche vermittelbar? Am 19. Januar um 18.06 Uhr kann er der Stiftung Eurotransplant in den Niederlanden melden: 1 Herz, 1 Lunge, 1 Leber, 2 Nieren, 1 Bauchspeicheldrüse. Bitte passende Empfänger finden!

In Deutschland warten rund 11 000 Menschen auf die Transplantation eines Organs. Im letzten Jahr gab es aber nur 876 Spender, die 3034 Organe spendeten.

Um 18.52 Uhr hat Gunnar Urban die Leber vermittelt, um 19.06 Uhr das Herz, um 19.17 Uhr die Lunge, um 19.38 Uhr die Bauchspeicheldrüse. Es können Empfänger in Deutschland, den Benelux-Ländern, Kroatien, Slowenien, Ungarn, Österreich oder der Schweiz sein. Sie können für manche Organe auch älter sein als die Spenderin. Die Empfänger von Herz und Lunge werden sofort informiert, womöglich per Beeper beim Abendessen. Sie müssen in den OP, wo der Brustkorb geöffnet wird – synchron mit dem Körper Franziskas. Herz und Lunge müssen innerhalb weniger Stunden beim Empfänger sein. Die Organe werden von Kurieren transportiert, mitunter begleitet von Chirurgen. Sie reisen per Hubschrauber, Turbo-Prop oder Lear-Jet. »In dieser Zeit darf kein Fehler mehr passieren«, sagt Urban, »sonst sterben im schlimmsten Fall zwei Menschen: der Spender und der Empfänger.«

Am 19. Januar um 22 Uhr wird sich die große weiße Tür noch einmal hinter Franziska schließen. Vorher muss sich die Mutter von ihrem Kind trennen. Auf der Intensivstation umarmt sie ihre Tochter. Die Fachleute nennen das den »warmen Abschied«, und viele Angehörige belassen es dabei. Doch Dorit Ilzhöfer will Franziska nach der Organentnahme noch einmal sehen. Was werden sie mit ihr gemacht haben? Und ist sie dann wirklich …?

Einige auf der Station versuchen, ihr diesen Wunsch auszureden. Sie glauben, dieser letzte Anblick sei zu schrecklich. Für das Personal in der Klinik bedeutet er auch mehr Aufwand an Zeit und Empathie. Doch Petra Saenger unterstützt die Mutter: »Weil wir den Tod nur Schritt für Schritt begreifen können.« Einen Angehörigen nach dem Abschalten der Geräte noch einmal zu sehen, nennt Saenger den »kalten Abschied«. Im Krankenhaus Neukölln kann er in einem gesonderten Raum stattfinden, im »Raum der Stille«. Eine solche Möglichkeit gibt es nur in wenigen Krankenhäusern. Und es gibt nicht immer so viel Beistand. Franziskas Fall ist eine Ausnahme, nicht nur weil die Eltern ansprechbar und gut informiert sind, auch weil hier einige Menschen die Familie Ilzhöfer nicht allein lassen. Petra Saenger geht sogar mit in den OP.

Rational betrachtet ist der Patient tot, wenn er hirntot in den OP kommt. Emotional betrachtet ist er tot, wenn die Geräte ausgeschaltet werden

Auch der DSO-Koordinator Gunnar Urban ist im Operationssaal. Er spritzt Franziska ein Muskelrelaxans. Weil Bewegungen des Körpers vom Rückenmark gesteuert werden, kommt es manchmal vor, dass sich bei hirntoten Menschen Beine, Arme oder die Bauchdecke bewegen. Mediziner bezeichnen das als Lazarus-Phänomen, nach dem Toten aus dem Neuen Testament, der wiederauferstand. Das Phänomen ist unter Schwestern und Pflegern gefürchtet. Eine Anästhesie muss nicht gemacht werden, denn Schmerz wird vom Gehirn verarbeitet, und das funktioniert nicht mehr. Urban sagt: »Natürlich ist der Mensch tot. Die Würde des Menschen besteht aber über seinen Tod fort; deswegen ist er mehr als sein Bewusstsein. Die Integrität von Körper und Bewusstsein ist unwiderruflich zerstört. Die Körperfunktionen werden vorübergehend künstlich vital gehalten.« Das heißt: Der Mensch hat kein Bewusstsein mehr, aber sein Körper ist noch lebendig.

Von nun an befinden sich im OP: der Koordinator, die Angehörigenbetreuerin, zwei OP-Schwestern, drei Kardiotechniker und drei OP-Teams: zwei Chirurgen für die Lunge, zwei fürs Herz und drei für den Bauchraum. Einige der Chirurgen werden die von ihnen entnommenen Organe auch wieder einsetzen.

Um 22 Uhr wird das Skalpell angesetzt und vom Kehlkopf bis zum Schambein geschnitten. Es beginnen die Vorbereitungen zur Explantation. Die Hauptschlagader wird abgeklemmt und eine Perfusionslösung durch Franziskas Organe gespült. So werden die Organe gekühlt und in einen energiesparenden Zustand versetzt. Wenn die Perfusion beginnt, schaltet der Koordinator die Beatmungsmaschine aus. »Es ist ein seltsames Gefühl«, sagt Urban, »denn erst dann werden auch äußere Todeszeichen sichtbar.« Das Leben beginnt restlos aus dem Körper zu entschwinden. Es wird sehr still im Raum.

»Wenn die Geräte aus sind«, sagt Urban, »entsteht plötzlich eine ganz andere, eigene Stimmung.« Die OP-Schwester Beate Otto hat einigen Explantationen assistiert und sagt: »Rational betrachtet ist der Patient tot, wenn er hirntot in unseren OP kommt. Aber emotional betrachtet ist er tot in dem Moment, wenn die Geräte ausgeschaltet werden.« Alle Schwestern und Ärzte verwenden in diesem Zusammenhang Wörter wie: wirklich tot, endgültig tot. Die Intensivmedizinerin Raff sagt: »Für mich persönlich ist der Gedanke, dass die See­ le im Herzen wohnt, emotional naheliegend und beruhigend. Als Ärztin sehe ich aber den irreversiblen Funktionsverlust des Gehirns als den Endpunkt des Lebens an. Ich empfinde das nicht als Widerspruch.« Dorit Ilzhöfer erinnert sich an den Tod ihrer Mutter vor fünf Jahren: Sie lag im Sterbebett, sie hielt ihre Hand und spürte, wie ihr Herz allmählich aufhörte zu schlagen: »Das ist der stimmige Tod.«

Um 0.43 Uhr wird die Perfusion eingestellt. Jetzt werden die Organe aus dem Körper entnommen. Zuerst verlässt das Herz den OP. Das Lungen­Team muss feststellen, dass die Lunge nicht verwendbar ist – eine große Enttäuschung. Um 1.27 Uhr wird das letzte Organ entnommen, und alle Teams verlassen den OP. Um 1.40 Uhr ist die Naht geschlossen. Petra Saenger hilft den OP­Schwestern, den Körper zu waschen, Drainagen und Schläuche zu entfernen und Franziska zu bedecken. Sie machen einen Verband um Franziskas Kopf, der ihre Mutter mit seinem blauen Band an die Mütze ihres Kindes erinnern wird.

Gegen 3 Uhr in der Nacht wird Franziska Ilzhöfer in den Raum der Stille gebracht. Ein kleines Zimmer mit grünen Wänden und Waldtapete. Ein Pfleger hat ein Pferdebild aufgestellt. Malen nach Zahlen, Franziska hat­ te es selbst gemacht. Saenger hat eine Kerze angezündet. Die Eltern sind bei ihrem Kind. Nehmen Abschied. Und

Auch die Bestatterin Susanne Jung (links) hat
der Abschied von Franziska mitgenommen. OPSchwester Beate Lichy steht Transplantationen skeptisch gegenüber

versuchen loszulassen. Die Mutter sagt: »Ich habe Franzi gestreichelt, und ihre Haut hat sich kühl angefühlt, der Brustkorb hat sich nicht mehr bewegt, und ich konnte den Herzschlag nicht mehr spüren. Da hatte ich das Ge­ fühl: Ja, sie ist tot. Franziska ist gestorben.«

Die OP­Schwester Beate Lichy arbeitet seit 30 Jahren in ihrem Beruf. Einmal war sie bei einer Explanta­ tion dabei. Seither weigert sie sich. Die Klinik respektiert ihre Entscheidung. »Wenn die Geräte ausgeschaltet wer­ den, ist da diese unheimliche Stille«, sagt sie. Und dann gingen alle weg, und die OP­Schwestern müssten allein damit fertigwerden. »Keiner zündet eine Kerze an, keiner öffnet das Fenster, es gibt keine Ruhe.« All dies würde sie im Angesicht des Todes erwarten. Sie ist christlich erzo­ gen. Und auch wenn die Kirche, anders als der Islam, Organspenden für einen Akt der Nächstenliebe hält: »Für mich persönlich ist das wie bei einer Ausweidung.« Sie fragt sich, auch als OP­Schwester: »Warum machen wir alles, was wir können?«

Am 25. Januar 2013 wird Franziska Ilzhöfer be­ stattet. 80 Menschen kommen, Familie und Freunde. Sie können die aufgebahrte Franziska anschauen und anfassen. »Dieser letzte Anblick«, sagt Dorit Ilzhöfer, »war gut und wichtig für uns alle: Wir konnten den Tod bezeugen, dann erst kann man überhaupt anfangen zu trauern rn.« Die Bestatterin Susanne Jung versteht sich als Trauerbegleiterin. Sie hat viele Abschiede erlebt, der von Franziska, sagt sie, habe sie besonders mitgenommen. Sie hat den Eindruck, dass viele Angehörige an der Organspende zweifeln. »Kein Mensch kann mit letzter Gewissheit sagen, was im Sterben, im Tod geschieht – aber wir greifen trotzdem in diese Prozesse ein.« Der Hirntod sei vielleicht in seiner medizinischen Definition stimmig – »aber die lässt die emotionale, die spirituelle und die ethische Komponente des Todes außer Acht.« So erklärt sich die Bestatterin das Unbehagen vieler Menschen an der Organspende. »Es gibt im Grunde keine Sterbebegleitung im Sinne des Menschen, denn: Das da im OP ist ein sterbender Mensch!« Eindeutig sei die Spende nur auf der Seite des Empfängers: Ein Mensch bekommt ein Organ geschenkt und vielleicht sogar das Leben. »Aber wie es dem damit geht, das interessiert uns auch wieder nicht«, sagt Jung und, nach einer Pause: »Es ist nicht immer Unterlassung, den Tod anzunehmen.«

Dorit Ilzhöfer spricht einige Monate nach dem Tod ihrer Tochter noch mal mit den Ärzten und Schwestern. Sie will begreifen, was geschah. Und wissen: »Ob alles Menschenmögliche getan wurde, um das Leben meines Kindes zu retten?« Der Neurochirurg Andreas Jödicke, der Franziska mit den schweren Kopfverletzungen unmöglich retten konnte, sagt: »Zu wissen, dass das Kind Organe gespendet hat, war für mich ein Trost.« Und dann sagt er nichts mehr und kämpft mit den Tränen.

Der Philosoph Günther Anders hat einmal gesagt, wenn die Maschinen perfekter würden als der Mensch, werde die Technik vom Objekt zum Subjekt der Geschichte. Dann könne der Mensch die Macht der Geräte nicht mehr erkennen – und Sachzwänge emotional und kognitiv nicht mehr bewältigen.

Dorit Ilzhöfer hat Neurodermitis. Unter Stress wird es schlimm. Seit dem 18. Oktober 2013 steht sie wie in Flammen. An diesem Tag wäre ihr Kind 15 Jahre alt geworden. Wenn man mit ihr an ihrem Esstisch sitzt, vor dem Foto von Franzi, fängt sie an zu kratzen. Sie erzählt von ihrem Kind, als könnte sie es spüren. Als wäre es um sie, hier im Haus, oder wenn sie auf den Friedhof geht. »Wie der Wind, der die Kerze auf dem Grab auspustet«, sagt sie und lacht über sich selbst. Sie hat Angst, dass keiner mehr von Franzi spricht, aber auch, dass sie ihr anderes Kind, Charlotte, vernachlässigt.

Charlotte sollte nach dem Verlust ihrer Schwester etwas Eigenes bekommen. In einem Tierheim fand sie eine grau getigerte Katze. Die hatte einen Kumpel mit schwarzem Fell, den sie, so hieß es, um sich brauche, sonst werde sie aggressiv. Also nahmen die Ilzhöfers zwei Katzen mit nach Hause. Am 18. Oktober, an Franziskas Geburtstag, lief die schwarze Katze weg und kam nie wieder.

Roland Ilzhöfer mag nicht dauernd mit seiner Frau auf den Friedhof gehen. »Er ist Realist«, sagt sie über ihn, »er meint, er trage Franziska im Herzen.« Der Vater hat Fotos gemacht, die er auf einer DSO-Tagung für Angehörige zeigt. Da erzählen die Eltern, wie wichtig der schrittweise Abschied für sie war. Roland Ilzhöfer zeigt Bilder von seinem lachenden Kind, von seinem Kind an den Maschinen, von seinem Kind im Raum des Todes, von seinem Kind im Sarg. Er sagt: »Man macht doch auch Fotos von seinem Kind, wenn es geboren wird.«

Die Mutter wüsste so gern, wie es den Empfängern der Organe ihrer Tochter geht. Doch der Datenschutz erlaubt keinen Kontakt

Dorit Ilzhöfer macht eine lange Pause und sagt: »Und ich hadere.« Hadern bedeutet für sie: Wenn ich meine Tochter auf das Sport-Internat nach Cottbus gegeben hätte, dann wäre sie an jenem Tag nicht in Lichtenrade zur Schule gegangen. Wenn wir gar nicht erst hierhergezogen wären. Wenn ich doch mit einem Kind zufrieden sein könnte, andere haben gar keines. Wenn ich wüsste, was war in den Minuten, bis der Notarzt kam: Hat jemand Franzis Hand gehalten?

Ihr Mann Roland versucht, sie zu beruhigen: »Sie hatte lichtstarre Pupillen, vielleicht war sie da schon tot.« Aber Dorit Ilzhöfer hadert weiter: »Ich habe ja auch eine spirituelle Seite – das ist bei der Transplantation ein Dilemma. Über die Zweifel darf ich gar nicht nachdenken, dann kriege ich solche Schuldgefühle und denke: Vielleicht habe ich mein Kind umgebracht!«

Dorit Ilzhöfer lässt ihr brennendes Gesicht in ihre brennenden Hände fallen und schluchzt.

Wie gern wüsste sie, wie die Menschen mit den Organen ihres Kindes leben. Und vor allem – ob sie überhaupt noch leben. Denn der Todestag ihrer Tochter – »also nicht der Tag, der auf ihrem Grabstein steht, nicht der Tag, an dem der Hirntod erklärt wurde, sondern der, an dem ihre Organe entnommen wurden, als ihr Herz aufhörte zu schlagen« – der 20. Januar 2013 sei doch für die Empfänger eine Art Geburtstag.

In der Selbsthilfegruppe der Verwaisten Eltern hat Dorit Ilzhöfer eine Frau kennengelernt, deren Tochter starb – kurz nachdem sie ein fremdes Herz erhalten hatte. Das lässt Dorit Ilzhöfer keine Ruhe: Sie hofft so sehr, dass die junge Mutter, von der sie weiß, dass sie Franzis Leber bekommen hat, noch lebt. Die hatte ihr über die DSO in einem Brief dafür gedankt. Von der DSO weiß Ilzhöfer außerdem, dass ein anderes Mädchen das Herz bekam. Doch nun darf Petra Saenger Franziskas Mutter nicht einmal mehr solche spärlichen Informationen übermitteln. Neue Datenschutz-Gesetzgebung. Und Saenger wird auch nicht mehr Familien von Spendern betreuen: Sie arbeitet nicht mehr für die DSO, nachdem diese ihr Pilotprojekt zur Angehörigenbetreuung reduziert hatte. Den warmen und den kalten Abschied sollen nun die Transplantationsbeauftragten der Krankenhäuser übernehmen.

Dabei war die Bereitschaft, Organe zu spenden, im Jahr 2013 so gering wie noch nie seit Verabschiedung des Transplantationsgesetzes 1997. Die DSO-Verantwortlichen zählen Gründe auf: die Manipulationsskandale, die Angst, von den Ärzten zu früh aufgegeben

zu werden, die Massenverschickung von Ausweisen durch die Krankenkassen, mangelnde Aufklärung, zu wenig Transparenz. Zu einem etwaigen ethischen Unbehagen – kein Wort.

Eigentlich sollte das Datum von Franziskas Spende hier nicht genannt werden. Die Empfänger könnten Rückschlüsse ziehen, mit welchem Leben und welchem Tod sie verbunden sind. Das möchte die deutsche Gesetzgebung, anders als etwa die amerikanische, verhindern. Aber Dorit Ilzhöfer besteht auf der Nennung des 20. Januars 2013. Als Franziskas Herz, ihre Leber, ihre Nieren und ihre Bauchspeicheldrüse an fünf Menschen vergeben wurden. Damit sie vielleicht von ihnen hört und vom Weiterleben der Organe ihres Kindes. Damit es weitergeht, das Leben: »Es ist ja noch so lang.«

Auf Franziskas Bett, neben dem Kissen, das immer noch so riecht wie am Morgen des 17. Januar 2013, weil ihre Mutter es nicht waschen will, liegt ein Herz mit der Aufschrift Happy Birthday. Es war einmal ein Ballon, die Luft ist raus. Die Mutter hat das Herz am 18. Oktober an das Grab ihrer Tochter gehängt. Neben einen Stern, den trug der Wind davon.

Um 0.38 Uhr verließ Franziskas Herz den OP. Ihr Vater stand während der Organentnahme draußen in der Nacht auf der Rampe vom Krankenhaus. »Und dann habe ich gesehen«, sagt er, »wie der Wagen mit dem Herz meines Kindes davonfuhr.« Es hilft, mitunter, die Distanzierung: im Denken und in Worten. Roland Ilzhöfer sagt über dieses letzte Bild: »Das war schon ein komisches Gefühl.«

Um 5.27 Uhr schlug Franziskas Herz wieder. Im Körper eines anderen Kindes.

Erschienen im Zeit-Magazin 5/14

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