Zu Burda notiert:

Free Journalists‘ World

Free Journalists‘ World

Es begann mit einer Geschichte auf Beschreiber: Burda setzt ein Team von Freien vor die Tür, um einer Agentur die Zeitschrift „Freemens World“ redaktionell zu überlassen. Mit Themen, die größtenteils noch dem Hirnschmalz der alten Mannschaft entstammen, schmückt sich jetzt die PR-Agentur Ringdrei und macht ansonsten alles billiger und williger. Bunter und schöner sowieso. Das NDR-Medienmagazin „Zapp“ las davon hier auf Beschreiber und sendete am 27. April 2016 einen viel diskutierten Bericht darüber. Viele Mediendienste griffen den Fall auf, wir hiermit auch nochmals.

Zum „Zapp“-Beitrag


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Liebe macht blöd!

Liebe macht blöd!

Erst brauchte ich das Geld. Dann wurde es Liebe. Ich alter Sack hatte mich verknallt. Wurde blind, blöd und käuflich. Was man Liebe eben so nachsagt. Ein kleiner, nützlicher Idiot. Fühlte mich wie eine Schreibnutte, der kaum was gegen den Strich ging. Weil da dieser Spaß war. Zwei Jahre lang. Pünktlich, bezahlt. Kaffee, umsonst. Reisen, weltweit. Durfte Überschriften machen, die gegen die Menschenrechte verstießen. Flick dich. Haken und Dösen. Am Arsch der Welt. Bürosessel, verstellbar. Trinkwasser aus dem Kran. Zwei hübsche Bildschirme. Okay, man muss nicht gleich Apple mit Dirnen vergleichen. Es gibt schlimmere Schicksale.

Dafür gab es mich gar nicht. Bei „Freemens World“, dem Abenteuermagazin. Weil ich nur frei war, wie ein paar wunderbar freie Kollegen auch. Nur frei heißt bei Burda: Kein Schild an der Tür, keine Visitenkarte. Keine Macht. Kein Vertrag. Nur Pflichten. Am besten Klappe halten, Wegkloppen von Seiten. Den Tagessatz wert sein. Man kennt das ja. Auf Mails antworten, die dich ständig als extern bezeichnen.Also, ich war dort ein Nichts. Ein unsozialversicherter Schreiberling. Netterweise wurde im Winter die Heizung aufgedreht. Bei Bauer sollen schon Freie erfroren sein.

Aber ich hatte mich verrechnet. Aus dem Job wurde Liebe. Aus dem Tagelohn Leidenschaft. Es passierte, einfach so. Nach dreißig Jahren. Seitdem ich versuche, Buchstaben in eine sinnvolle Reihenfolge zu bringen. Wurde blöd, schön blöd. Weil es sich lohnte für dieses Magazin schön blöd zu sein. Für diese Idee, diese Freude, diese Begeisterung am Gestalten. Burda merkte das gleich. Burda ist ja nicht blöd. Man hielt uns an der langen Leine. Zog nur, wenn wir völlig über die Stränge schlugen. Wir lebten das Blatt, wir atmeten es. Verziehen ihm alles. Streichelten unser Baby. Jede Zeile, jedes Bild, jeder Titel waren wir. Texte, Themen, Termine. Edelfedern anspitzen. Das Heft stemmen, mit einem Kreativdirektor. Nett, klug, kompetent. Er war sehr kreativ, trotz Festanstellung.

Wir gewöhnten uns aneinander. Die Kopfgeburt lernte laufen. Der Laden brummte. Es gab eine Hefterweiterung, wegen der Anzeigen. Als uns die Liebe schon schwach machte. Und wir dicke Karren durchs Gelände fahren ließen. Landrover sind wirklich tolle Autos. Wieso haben wir das nicht sofort gemerkt? Hefterweiterung! Das ist bei Burda etwa so selten wie TV-Spielfilm ohne Programmhinweis. Man war kurzfristig stolz auf uns. Hörten wir, auf dem Flur.

Doch sie trauten uns nicht. Zu keiner Zeit. An keinem Tag. Sind ja nur Freie. Guckten abends heimlich in die Kasse, ob was fehlte. Die Büros lagen im Hafen. Nicht schlecht. Dicke Schiffe, gute Sicht. Viel besser als beim „Spiegel“. Die Welt fuhr vorbei. Doch dieser Kerl neben uns hatte ein viel schöneres Büro. Hatte sogar einen tollen Titel. Irgendwas mit Development, unkündbar, glaube ich. Konnte diesen Blick, den ich nicht kann. Guckte unentbehrlich, redete werblich weise. Nicht verliebt, niemals. Schlauer Typ, hat Burda verstanden. Als Reporter eher übersichtlich. Für ihn war schon die Besteigung der Zugspitze ein Abenteuer.

Ich kriegte auch einen Titel. Ich hieß Autor (fr.), wie frei. Frei ist kurz und doch zu lang für ein Impressum. Klang eher wie ein verklemmter Furz. Zerquetscht von den Verlagssoldaten, bei denen oft bloß heiße Luft rauskommt. Im Krieg sind das die, die sich hinter der Front gern mal Eier schaukeln. Glaube ich. Etwas neidisch war ich schon. Außerdem sah der Developer viel besser aus als ich. Wähle einen Beruf, den du liebst, sagte Konfuzius, der alte Klugscheißer, und du brauchst nie mehr zu arbeiten. Komisch. War er nicht auch Freiberufler?

Manchmal kamen Leute zu uns rein. Sie wussten alles besser. Weil es ihr Job ist, alles besser zu wissen. Andere für sich arbeiten zu lassen. Geschäftsführer, Chefredakteure, Anzeigentypen. Wir mussten dann raus. Kaffee trinken, Bier saufen, Hauptsache weg mit den Freien. Stören nur. Dann standen sie breitbeinig vor unseren Geschichten an der Wand. Wortheldisch. Wichtig. Taten so als gäbe es uns gar nicht. Schütteten ihre bunte Soße über die Seiten aus. Bis sie vor Einfalt klebten und rochen vor Arroganz. Einer fragte: Wer fährt denn schon nach Chile? Teneriffa ist doch viel näher. Angeblich hat er bis heute nichts gelesen von uns. Mag lieber Bilder, heißt es im Haus.

Später durften wir wieder an die Arbeit. Weiter machen. Ihren merkwürdigen Befehlen folgen. Dachten sie. Aber von wegen! Waren nicht nur frei. Auch frech. Verliebte Freie, die sich eine Meinung erlauben. Keine gute Mischung für die Karriere. Wischten jedes Mal übers Heft, wenn sie weg waren. Über unser Baby. Über den ätzenden Sud ihrer Ideen. Bis der Zucker verschwand, den sie Anzeigenkunden in den Hintern blasen wollten. Schreckten nicht mal vor Reklame für Männerbinden zurück. So macht Einschiffen wieder Spaß. Wasser lassen in der Wildnis. Inkontinenz? Geht doch alle an, sagten sie. Stimmt, sagten wir. Nicht laut, aber traurig. Konnte nicht gut gehen. Ging auch nicht gut.

Sie trieben uns die Begeisterung aus, schauten den Freien auf die Finger. Die Liebe zerbrach. Herzblut sickerte unter der Bürotür hindurch. Wir sprachen von Leidenschaft. Sie sprachen von Break even point. Auflage? Keine Antwort. Ein paar Mal im Jahr stolzierte ein Berater rein. Glotzend, still, er schwieg abgehoben.Wir waren nur Luft für ihn. Schritt langsam die Wand ab. Er wirkte wie ein General, kurz vor dem Schießbefehl. Kein Blick für uns Frontschweine. So grinst Macht. Murmelte was von Nutzwert, Nutzwert. Was sie bei Burda seit Jahrzehnten murmeln. Verschwand, stumm, kein Dank. Kritiken verfasste er schriftlich. Wir sahen nie ein Wort davon.

Bald schlenderte so ein Typ übern Gang. Lange Haare, Jeans, weiße Turnschuhe, Jacket. Irgendwie austauschbar. Keine Spur von Liebe, ich sah es sofort. Einer, der per SMS Schluss macht. Wenn Erfolg laufen könnte, müsste er genau so aussehen. Lässig, charmant, sicher so ein Ich-mach-dir-alles-besser-zu-einem-besonders-guten-Preis-Journalist. Auch ein Freier, hieß es, mit Agentur. So macht man das, glaube ich. Schlauschwätzend, weltmännisch. Furchtlos. Nur keine Gefühle zulassen. Muss ja nicht weh tun. Muss nur Menschen finden, die dich bezahlen. Eines Tages möchte ich auch mal so sein wie er.

Dann ging alles sehr schnell. Die Leute haben schön gewartet, bis wir mit dem letzten Heft fertig waren. Wie gesagt. Sind ja nicht blöd, bei Burda. Wir schrieben noch 54 Themen auf, die bis ins Jahr 2027 reichen werden. Blinder kann Liebe nicht machen. Hastiger Eifer, sowieso. An einem Freitag mussten wir unsere Schreibtische räumen. Mister Langhaar hatte gut verhandelt. Schneller, billiger, williger? So einer kann das eben.

Die Leute legten ihm unser Baby frisch gewickelt vor die Tür. Es schrie nicht. Aber es roch ganz stark nach unserem Gehirnschmalz. Ich vermisse es sehr.


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