Walter Bonatti

„Anstatt sich der Berge als ein Mittel zu bedienen, das unsere Horizonte vergrößert, sehen viele Vertreter der alpinen Szene nur die Berge; sie setzen sich Scheuklappen auf. Wie schade, dass sie so abgestumpft sind, gerade sie, die dank dem ständigen Kontakt mit einer großartigen Natur und den damit verbundenen Empfindungen und Gedanken ihre Ziele, ihre Sensibilität erweitern könnten. Doch sie reden nur über die Berge!“

Foto: Christine Kopp

Zu Besuch bei Walter Bonatti

Der Altmeister des klassischen Alpinismus wird 80 Jahre

Zehn Jahre ist es her, seit ich letztmals die Steinstufen zum hoch über dem Talboden des Veltlins gelegenen Refugium von Walter Bonatti und Rossana Podestà hochgestiegen bin. Seither haben wir uns einmal gesehen, ein paar Male geschrieben und hie und da am Telefon gehört.

Von Christine Kopp

Zehn Jahre ist es her, seit ich letztmals die Steinstufen zum hoch über dem Talboden des Veltlins gelegenen Refugium von Walter Bonatti und Rossana Podestà hochgestiegen bin. Seither haben wir uns einmal gesehen, ein paar Male geschrieben und hie und da am Telefon gehört. Und da steht er schon, der Altmeister des klassischen Alpinismus, die Arme weit geöffnet, vor seinem wunderbar umgebauten Steinhäuschen, neben ihm eine japanische Mispel, die in diesem seltsamen, viel zu warmen Dezember in voller Blüte steht. Wir umarmen uns und sehen uns in die Augen: Bonatti ist ein paar Jahre älter, und er wirkt etwas müde. Doch seine Augen versprühen immer noch die gleiche Neugierde und Aufmerksamkeit wie bei unserer letzten Begegnung.

„Ja, ich bin müde. Ich dachte, ich würde besser über meine Zeit verfügen können. Aber es gelingt mir nicht. Ich bin immer noch mehr beschäftigt, jetzt, wo ich mich der Schwelle meines achtzigsten Geburtstags nähere … Manchmal kommt es mir vor, als ob ich von einem anderen rede – dank der Intensität meiner Erlebnisse scheint es mir, 200 Jahre hinter mir zu haben, andererseits habe ich zum Glück das Gefühl, nur 35 oder 40 zu sein!“ Wie das letzte Mal sitzen wir bei unserer Unterhaltung auf den Sofas im Wohnzimmer des oberen Stocks, das mir mit seinen üppigen Farben, seinen opulenten Kissen und den unzähligen Büchern, Skulpturen und Familienfotos einmal mehr wie ein kleines Reich der Träume vorkommt, reich an gelebter Geschichte zweier Menschen. Wie sieht Walter Bonatti die Etappen des Lebens? „In jedem Alter muss es einen Moment der Reflexion geben, in dem man über die Bücher geht; fast immer kannst du ein Inventar des Guten machen, das du erlebt hast. Aber das, was dich trifft, ist das weniger Schöne.“

Und schon sind wir mitten im Gespräch. Wir streifen verschiedenste Themen – die italienische Politik, die ihn anwidert, gleich wie der „Zerfall der Gesellschaft“. Dann kommen wir zum Alpinismus von heute, der ihn grundsätzlich – seit 1965, als er vom extremen Bergsteigen Abschied nahm – nicht mehr interessiert. Insbesondere, da er nichts mit modernen Hilfsmitteln am Hut hat: „Heute wird in den Bergen nur noch konsumiert. Ich frage mich, welche Freude man daran haben kann: Abgesehen von der bewundernswerten sportlichen Geste ist da nichts dran! Wenn du das Unmögliche mit Bohrhaken zerstörst, reduzierst du alles auf einen simplen athletischen Akt. Klar, es gibt Persönlichkeiten wie Ueli Steck, aber die sind Ausnahmen. Der Alpinismus von heute sagt mir nichts, es ist eine Sache ohne Seele, es mangelt an Fantasie und spirituellen Vorgaben, all das, was uns das traditionelle Bergsteigen so lange gegeben hatte.“ Aber seine eigenen Touren sind nicht verblasst: „Wenn ich an die wichtigsten Besteigungen denke, dann sind die Erinnerungen daran gestochen scharf und sehr lebendig.“

Ich sehe das Leben als eine Leiter mit unendlich vielen Sprossen, auf der man, Sprosse nach Sprosse, langsam höher steigt. Nicht höher im Sinn von Bekanntheit, die kümmert mich nicht, sondern im Sinn eines inneren Wachsens! Leben heißt ständiges Wachsen auf dem Sockel der Pyramide aller Erfahrungen und Werte, die wir unterwegs gewonnen haben.

Dann reden wir über die Expedition an den K2 (8611 m) im Jahre 1954, bei der Achille Compagnoni und Lino Lacedelli erstmals den Gipfel erreichten und dabei Bonatti – der Jüngste und einer der Stärksten der Gruppe – als willkommener Sauerstoffträger für ihren Gipfelgang auf 8100 m buchstäblich im Nichts auflaufen ließen. Bonatti überstand auf dieser Höhe mit dem Träger Mahdi eine dramatische Nacht ohne jegliches Biwakmaterial, musste danach aber sofort absteigen, um sich und seinen Begleiter zu retten. Im offiziellen Bericht des despotischen Expeditionsleiters Ardito Desio wurde einiges anders als der Wahrheit entsprechend dargestellt; dazu kamen von anderer Seite Unterstellungen an Bonatti, gegen die er sich bereits in den 1960er-Jahren erfolgreich vor Gericht wehrte. Doch seine Seele war bis ins Innerste verletzt: „Der K2 machte mich misstrauisch und zum Einzelgänger.“ Bis die Version der Ereignisse, wie sie Bonatti darstellte, bestätigt und ihm durch den Italienischen Alpenclub in allen Punkten Recht gegeben wurde, sollten 54 Jahre vergehen. Erst dann, 2008, konnte Bonatti diesen Albtraum endlich abschließen. In den Trümmern dieses für ihn so negativen Erlebnisses fand Bonatti den Entwurf zu einer seiner herausragendsten Glanztaten: seinem Alleingang am Südwestpfeiler des Petit Dru. Die Route also, die als „Bonatti-Pfeiler“ in die Geschichte einging und bis 1997, als sie durch einen Bergsturz arg in Mitleidenschaft gezogen wurde, einer der begehrtesten Anstiege der Alpen und ein Symbol des klassischen Extremalpinismus war, wie ihn Bonatti hochhielt. Wie steht er zum Risiko, das er bei dieser Kletterei und anderen Besteigungen einging? „Das Risiko existierte natürlich auch für mich. Aber indem ich meinen ganzen Erfahrungsschatz und mein Können einsetzte, konnte ich das Risiko auf das Unwägbare reduzieren. Mit Ausnahme des Dru: Hätte ich gewusst, welche Manöver ich dort machen musste, wäre ich gar nicht eingestiegen. Risiko um des Risiko willen ist stupide!“
Über jenen Alleingang schrieb Bonatti in „Berge meines Lebens“, seinem bekanntesten „alpinistischen“ Buch: „Am 18. August 1955 stieg ich in den Dru-Pfeiler ein. Die nächsten fünf Tage, so lange wie mein einsames Abenteuer dauerte, lebte ich wie auf einem anderen Planeten, ich drang in eine unbekannte Dimension ein, in einen geheimnisvollen, visionären Zustand, in dem es das Unmögliche nicht gibt, sondern alles gelingen kann. Danach gab es auch Momente extremer Unsicherheit, in denen ich mich leer und zu jeglicher Handlung unfähig fühlte. Doch gerade das Bewusstsein, dass ich seit Tagen an den Grenzen des Möglichen kämpfte, um meine inneren Probleme zu lösen, gab mir immer wieder die Kraft, weiterzuklettern. Und wer spontan den Dru auswählt, um sich mit sich selbst und dem Leben wieder zu versöhnen, kann – einmal dort oben hängend – gewiss nicht der Passivität nachgeben und sich sterben lassen.“ Das war also der Hintergrund einer der Meilensteine des Alpinismus: die Versöhnung mit dem Leben und ein kühner Beweis des eigenen Könnens durch das gewagteste Solo, das man sich damals vorstellen konnte. Heute bestätigt Bonatti: „Den Alleingang am Dru habe ich als Antwort auf den K2 gemacht. Ich musste mich befreien, mich selbst aufs Spiel setzen. Und so spürte ich den teuflischen Antrieb, die Tour allein zu machen.“

War Bonatti immer ein Einzelgänger gewesen? Dazu meint er heute: „Am Ende habe ich entdeckt, dass ich ein Alleingänger bin. Um es salopp zu sagen: Mit mir selbst verstehe ich mich bestens; mit einem anderen schon etwas weniger gut … Allerdings: Am Anfang war es für mich logisch, mit einem Gefährten zu gehen; Alpinismus hieß Seilschaft. Dann reifte allmählich diese Neugierde heran, die Kastanien allein aus dem Feuer zu holen. Schließlich wurde sie zu einem echten Bedürfnis. Der Alleingang ist eine Erfahrung, die du erlebt haben musst, um sie zu verstehen. Du verwandelst dich dabei!“

Individualist war Bonatti nicht nur in der Vertikalen, sondern auch in den Niederungen des Alltags. Und als Alleingänger, dem die Berge als kongenialer Erlebnisraum dienten, war er zwangsläufig auch ein Extremer. Der Dru-Pfeiler ist nur ein Beispiel dafür. Für Bonatti war Konsequenz in seinen Handlungen und seinem Leben immer etwas vom Wichtigsten; und so eckte er oft mit seiner Unnachgiebigkeit an: „Die Welt vergibt dir den Erfolg nicht. Ich habe niemals Kompromisse akzeptiert – außer natürlich im Alltag, im täglichen Leben muss man kleine Kompromisse eingehen –, doch solche, die meine Werte verzerrt hätten, nein, niemals! Ich wurde oft falsch verstanden: Häufig unternahm ich Dinge, die für andere eine Provokation waren.

Aufgepasst – Freiheit heißt nicht ‚Freibrief’ für alles! In unserer Gesellschaft bezahlt man allerdings, um frei zu sein. Freie Menschen sind unbequem. Ich habe immer für alles bezahlt und bin zufrieden damit; denn heute fühle ich mich verwirklicht, und ich habe in absoluter Freiheit gelebt und getan, was ich tun konnte und wollte.

Einer, der provoziert, ist jedoch unbequem: Es war leichter, mich zu kritisieren, als mich als Beispiel zu nehmen. Die Welt vergibt dir den Erfolg nicht.“ Und so waren die Weichen, die Bonatti in seinem Leben stellte, immer entsprechend kompromisslos – etwa der Ausstieg aus dem Elitebergsteigen nach fünfzehn Jahren extremster Unternehmungen. Er beging ihn mit einem Paukenschlag: Auf der Höhe seines Könnens, nur 35 Jahre alt, durchstieg er im Februar 1965 die Matterhorn-Nordwand – im Winter, allein und auf einer neuen, direkten Route. Warum? Weil für ihn eine Erneuerung im klassischen Alpinismus und eine weitere Überschreitung seiner Grenzen nicht möglich war, weil für ihn eine Etappe abgeschlossen war: „Sicher habe ich das Glück gehabt, in jener Zeit aktiv zu sein – auch wenn ich weder an das Glück noch an das Unglück glaube.“ Auf Wiederholungen hatte er keine Lust, und zudem war die nächste Lebensphase bereits geplant: Von 1965 bis 1979 erforschte er für die renommierte Zeitschrift „Epoca“ die wildesten Winkel der Erde und brachte Fotoreportagen heim nach dem Vorbild der Helden seiner Kindheit London, Melville oder Hemingway („das waren meine Evangelien!“), die ihm in Italien zu noch viel größeren Bekanntheit als zuvor verhalfen. Wer das Glück hat, Walter Bonatti heute zu begegnen – denn eine solche Begegnung ist ein Glück –, ist beeindruckt von seiner Zuvorkommenheit und seiner Präsenz. Sie erinnert an eine Bemerkung seiner Gefährtin Rossana Podestà, der Schauspielerin – selbst ein Ausbund an Temperament und Lebenslust –, mit der er seit dreißig Jahren zusammenlebt. Darauf angesprochen, was für sie seine größte Schwäche sei, meinte Rossana in einem Interview: „Es ist das Engagement von Walter, das mich erschreckt. Er ist immer engagiert! Sei es, wenn er Mailand mit dem Auto durchquert, sei es, wenn er mir Kaffee kocht, was er übrigens hervorragend macht: Er setzt sich auch bei der kleinsten Tätigkeit bis zum Letzten ein. Das ist für mich sehr anstrengend!“ Worauf Bonatti lakonisch meinte, das Wichtigste sei letztlich, ihr einen guten Kaffee zu machen … Für das Abenteuer, sagt Walter Bonatti, müsse er heute nicht mehr in Wände oder Wüsten aufbrechen. Das Abenteuer fände man auch im eigenen Innern, wo sich die letzten großen Räume öffneten, die zum Erforschen einladen. Und lachend meint er mit einem neckischen Blick zu Rossana, auch der „Planet“ Frau sei ein einziges Abenteuer…

Eine Bemerkung, die die Menschlichkeit des in seinen Texten nüchternen, manchmal gar altertümlich heroisch wirkenden Bonatti offenbart: die Menschlichkeit eines großzügigen Gastgebers mit Würde und Witz und eines überaus herzlichen Gesprächspartners, der sich nicht als Mythos bezeichnet haben will, sondern als ganz normalen Menschen mit seinen Schwächen und Stärken. Ein Mensch allerdings, der mit seiner Konsequenz und Kompromisslosigkeit, mit der er seine Träume in Wirklichkeit umsetzte, anderen ein Vorbild war und immer noch ist. Weit über jeden Pfeiler und jede Wand hinaus.

Erschienen in Bergundsteigen 1/10

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