Bergell, Foto: Caroline Fink

Bergell

Foto: Caroline Fink

Bergell

Die Schwelle zum Paradies

Versteckt hinter dem Malojapass liegt das Bergell, wie ein vergessener Schatz am Rande der Schweiz.

Von Caroline Fink

Der Uhrzeiger bei der Bushaltestelle im Dorf Casaccia ist stehen geblieben. Doch das macht nichts. In diesem Schweizer Bergdorf fährt das Postauto erst los, wenn die Dame am Gehstock sich auf ihren Lieblingsplatz ganz hinten gesetzt hat. Die Zeit und das Leben fliessen anders im Bergell. Jenem Bündner Südtal, das sich hinter dem Malojapass verbirgt. Durch seine Dörfer und Kastanienwälder zu wandern, ist eine Reise in die Langsamkeit.

Umgeben von Granitgipfeln, liegt das Tal so weit südlich, dass sich Italien von Chiavenna her schon leise durch die Dörfer schleicht. Orte, so würdevoll wie alte Eichen, mit poetischen Namen wie Castasegna, Vicosoprano oder Soglio. Schmal sind ihre Gassen, auf den Mauern wächst Moos, und um die schmiedeisernen Balkone ranken sich Reben. Selbst die Geranientöpfe vor den Haustüren stehen ein wenig schief, und manche Häuser ebenso.

Das Bergell ist eine alte Dame voller Schönheit, und manche seiner Winkel wirken, als wäre die Zeit wie auf der Uhr in Casaccia stehen geblieben. In einer Zeit vor über hundert Jahren, als der Maler Giovanni Segantini Soglio besuchte und sich im Himmel wähnte. «Soglio, la soglia del paradiso», die Schwelle zum Paradies, nannte er das Dorf, dessen Häuser hoch über dem Talboden in der Sonne liegen mit einem Kirchturm, der wie ein Leuchtturm über die Steindächer ragt.

Wer heute durch die Gassen Soglios schlendert, taucht ein in die Stille. Hört einzig das Plätschern des Brunnens, einen Hund, der bellt, während eine Katze unter eine Steintreppe huscht. Nur ab und zu durchbricht das Brummen des Postautos die Ruhe – an schönen Tagen bringt es stündlich Besucher aus dem Engadin. Selbst Touristen aus Japan und den USA wollen Segantinis «Soglia del paradiso» sehen. Seltsam fremd wirken sie in ihren bunten Pullovern und Turnschuhen, wenn sie mit ihren Digitalkameras durch das Dorf gehen, als besuchten sie einen alten Tempel.

Es braucht Zeit, um die Seele des Bergells zu finden. Zeit, in der man etwa von Promontogno nach Soglio wandert und weiter hoch zum Maiensäss Tombal. Sich dort ins Gras setzt und den Blick über die andere Talseite gleiten lässt. Dorthin, wo die hellgrauen Granitzacken der Sciora und der wuchtige Badile in den Himmel ragen. Berge, an denen der Italiener Riccardo Cassin in den 1930er-Jahren Klettergeschichte schrieb, als er erstmals eine Seilschaft durch die glatte Nordostwand des Badile führte, und der Österreicher Hermann Buhl zwanzig Jahre später von sich reden machte, als er die Route im Alleingang durchstieg. Bis heute kommen Kletterer aus aller Welt, um auf diesen Berg zu steigen. Und manch einer sagt, er biete den schönsten Fels der Alpen.

Frühmorgens hängen im Herbst oft Wolkenfetzen an diesen Gipfeln, und in den Dörfern streicht die kühle Morgenluft um die Häuser. Schön ist es, den Tag dann ruhig anzugehen. Vor der Pasticceria Salis in Castasegna zu sitzen, einen warmen Kaffee in den Händen, und dabei von den Dorfältesten am Tisch nebenan mit einem «Buongiorno» – oder im Bargaiot, dem Bergeller Dialekt: einem «bun dì» – begrüsst zu werden.

Der Herbst ist eine besondere Zeit im Bergell, da dann die Kastanien reifen. Einst waren sie ein Grundnahrungsmittel der Talbewohner. Damals, als das Leben der Bergbauern hart und karg war und in Europa Kriege wüteten. Heute indes lebt kein Bergeller mehr von den Früchten. Dennoch besitzen viele Einheimische einen knorrigen Baum in den Kastanienselven von Plazza oder Brentan, in den Hängen unterhalb Soglios.

Wer auf dem Wanderweg im raschelnden Laub durch diese Haine wandert, trifft Einheimische wie Sergio Giovanoli. Einen älteren Herrn, der in Handwerkskleidern in seiner Selve steht und von seinen Bäumen erzählt, als wären sie alte Freunde. «Dieser ist immer spät dran», sagt er, «der da ist krank», oder «der hier gibt süsse Früchte». Diese goldbraun glänzenden Früchte sammelt er an sonnigen Herbsttagen ein und trocknet sie im Dörrhäuschen vor Ort. Wie in alten Zeiten quillt dann der Rauch unter dem Dach des Steinhäuschens hervor und zieht als feiner Nebel über den Boden.

Bis heute sind Kastanien im Bergell eine Spezialität. Besonders am «Calendimarzo», dem Frühlingsfest im März. Dann ziehen die Jungen und Mädchen, Girlanden von Papierblumen um den Hals, mit Schellen durch die Dörfer, begrüssen singend den Frühling und freuen sich vor allem auf eines: die gekochten Kastanien mit Schlagrahm nach dem Umzug. Dies ist das traditionelle Gericht der Bergeller, und so mögen die Einheimischen die Herbstfrüchte aus den Selven auch heute noch am liebsten. Dass der Souvenirladen in Soglio für Touristen Kastanienbier bereithält, die Pasticceria Salis in Castasegna Kastanienkuchen bäckt und der Dorfladen in Promontogno Kastanienbrot verkauft, macht manchen etwas schmunzeln. Doch sie sagen sich: «Wenn es den Besuchern Freude bereitet – è?» Warum nicht?

Das Bergell ist eine kleine Welt wie in einem Bilderbuch, über Jahrhunderte aus sich selbst gewachsen. Doch die Idylle täuscht. Das Bündner Südtal ist nicht verwöhnt. Es fehlt zwar nicht an Sonne, dafür an Touristen. Das Bergell scheint vielen Besuchern zu weit weg – ein vergessener Schatz am Rand der Schweiz.

Das war nicht immer so. Das Hotel Bregaglia in Promontogno, verziert wie eine italienische Torte, der Palazzo Salis in Bondo mit seinem kleinen Schlossgarten oder der Palazzo Castelmur bei Stampa im maurischen Stil – sie alle erzählen Geschichten aus einer Zeit, als die Patrizierfamilien hier zu Vermögen kamen. Als durch das Tal eine wichtige Handelsroute führte und die Geschäfte florierten. Manch ein Bergeller ist in die Welt hinausgezogen und berühmt geworden. Allen voran die Zuckerbäcker und der berühmteste Sohn des Tales: Alberto Giacometti. Bis heute bewundern Kunstliebhaber seine Skulpturen. Sein Grab indes liegt unscheinbar im Friedhof bei der Kirche San Giorgio, an der kurz vor Borgonovo der Wanderweg vorbeiführt. Nichts mehr als ein Stein, auf den Besucher oder Angehörige ein Kleeblümchen oder einen Stein gelegt haben. Schlicht wie Alberto Giacomettis Kunstwerke. Auch heute zieht mancher fort aus dem Bergell.

Schüler gehen zur Ausbildung nach Chur, junge Leute studieren in Zürich, finden Arbeit, kehren nicht wieder heim. Doch jeder, der bleibt, hält das Tal am Leben. Wie etwa Gian Andrea Scartazzini,
der geblieben ist und dank dem die alte Mühle Promontogno weiter mahlt. Dort, unten am Fluss Maira, wo sich schon um 1700 ein Mühlstein drehte. Heute wäre die Kraft der Maira jedoch zu gering, um die Mühle anzutreiben – zu viel davon wird weiter flussaufwärts abgezweigt, um Strom für die Stadt Zürich zu produzieren.

Aber die Müllersfamilie Scartazzini wusste sich zu helfen: «Mein Grossvater machte einen Vertrag mit dem Elektrizitätswerk der Stadt Zürich, seither erhalten wir günstigen Strom.» Ein wenig wie ein Museum wirkt das Mühlhaus. Der süsse Duft von frisch gemahlenem Roggen, Gerste und Weizen liegt in der Luft, der feine Mehlstaub überzieht Boden und Fensterbänke, Scheiben und Türklinken. Doch wenn der Müller die Mühlmaschine aus den 1940er-Jahren in Gang setzt, erwacht das Haus aus seinem Schlaf. Der Boden beginnt zu vibrieren, die alten Riemen zu drehen und die Kolben zu stampfen. Über drei Stockwerke hinweg wird das Korn dann durch Strümpfe und Rohre geblasen, gesiebt, gemahlen und in grosse Papiersäcke gefüllt. «Scartazzini Promontogno» steht darauf.

Molino Scartazzini & Co ist ein Familienunternehmen geblieben, Gian Andrea Scartazzini die neunte Generation. Ob es eine zehnte Generation geben wird? «Hoffentlich.» Der eine Sohn ist Bäcker, der andere Müller. Und dank Bio-Korn und Bergeller Kastanienmehl dürfte die Mühle an der Maira weiterhin stampfen und mahlen. Ganz so, wie die Welt im Bergell sich weiterdrehen wird: ohne grosse Brötchen zu backen. Dafür in aller Ruh.