Notizen

Notizen von Michael Schophaus:

Free Journalists‘ World

Free Journalists‘ World

Es begann mit einer Geschichte auf Beschreiber: Burda setzt ein Team von Freien vor die Tür, um einer Agentur die Zeitschrift „Freemens World“ redaktionell zu überlassen. Mit Themen, die größtenteils noch dem Hirnschmalz der alten Mannschaft entstammen, schmückt sich jetzt die PR-Agentur Ringdrei und macht ansonsten alles billiger und williger. Bunter und schöner sowieso. Das NDR-Medienmagazin „Zapp“ las davon hier auf Beschreiber und sendete am 27. April 2016 einen viel diskutierten Bericht darüber. Viele Mediendienste griffen den Fall auf, wir hiermit auch nochmals.

Zum „Zapp“-Beitrag


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Liebe macht blöd!

Liebe macht blöd!

Erst brauchte ich das Geld. Dann wurde es Liebe. Ich alter Sack hatte mich verknallt. Wurde blind, blöd und käuflich. Was man Liebe eben so nachsagt. Ein kleiner, nützlicher Idiot. Fühlte mich wie eine Schreibnutte, der kaum was gegen den Strich ging. Weil da dieser Spaß war. Zwei Jahre lang. Pünktlich, bezahlt. Kaffee, umsonst. Reisen, weltweit. Durfte Überschriften machen, die gegen die Menschenrechte verstießen. Flick dich. Haken und Dösen. Am Arsch der Welt. Bürosessel, verstellbar. Trinkwasser aus dem Kran. Zwei hübsche Bildschirme. Okay, man muss nicht gleich Apple mit Dirnen vergleichen. Es gibt schlimmere Schicksale.

Dafür gab es mich gar nicht. Bei „Freemens World“, dem Abenteuermagazin. Weil ich nur frei war, wie ein paar wunderbar freie Kollegen auch. Nur frei heißt bei Burda: Kein Schild an der Tür, keine Visitenkarte. Keine Macht. Kein Vertrag. Nur Pflichten. Am besten Klappe halten, Wegkloppen von Seiten. Den Tagessatz wert sein. Man kennt das ja. Auf Mails antworten, die dich ständig als extern bezeichnen.Also, ich war dort ein Nichts. Ein unsozialversicherter Schreiberling. Netterweise wurde im Winter die Heizung aufgedreht. Bei Bauer sollen schon Freie erfroren sein.

Aber ich hatte mich verrechnet. Aus dem Job wurde Liebe. Aus dem Tagelohn Leidenschaft. Es passierte, einfach so. Nach dreißig Jahren. Seitdem ich versuche, Buchstaben in eine sinnvolle Reihenfolge zu bringen. Wurde blöd, schön blöd. Weil es sich lohnte für dieses Magazin schön blöd zu sein. Für diese Idee, diese Freude, diese Begeisterung am Gestalten. Burda merkte das gleich. Burda ist ja nicht blöd. Man hielt uns an der langen Leine. Zog nur, wenn wir völlig über die Stränge schlugen. Wir lebten das Blatt, wir atmeten es. Verziehen ihm alles. Streichelten unser Baby. Jede Zeile, jedes Bild, jeder Titel waren wir. Texte, Themen, Termine. Edelfedern anspitzen. Das Heft stemmen, mit einem Kreativdirektor. Nett, klug, kompetent. Er war sehr kreativ, trotz Festanstellung.

Wir gewöhnten uns aneinander. Die Kopfgeburt lernte laufen. Der Laden brummte. Es gab eine Hefterweiterung, wegen der Anzeigen. Als uns die Liebe schon schwach machte. Und wir dicke Karren durchs Gelände fahren ließen. Landrover sind wirklich tolle Autos. Wieso haben wir das nicht sofort gemerkt? Hefterweiterung! Das ist bei Burda etwa so selten wie TV-Spielfilm ohne Programmhinweis. Man war kurzfristig stolz auf uns. Hörten wir, auf dem Flur.

Doch sie trauten uns nicht. Zu keiner Zeit. An keinem Tag. Sind ja nur Freie. Guckten abends heimlich in die Kasse, ob was fehlte. Die Büros lagen im Hafen. Nicht schlecht. Dicke Schiffe, gute Sicht. Viel besser als beim „Spiegel“. Die Welt fuhr vorbei. Doch dieser Kerl neben uns hatte ein viel schöneres Büro. Hatte sogar einen tollen Titel. Irgendwas mit Development, unkündbar, glaube ich. Konnte diesen Blick, den ich nicht kann. Guckte unentbehrlich, redete werblich weise. Nicht verliebt, niemals. Schlauer Typ, hat Burda verstanden. Als Reporter eher übersichtlich. Für ihn war schon die Besteigung der Zugspitze ein Abenteuer.

Ich kriegte auch einen Titel. Ich hieß Autor (fr.), wie frei. Frei ist kurz und doch zu lang für ein Impressum. Klang eher wie ein verklemmter Furz. Zerquetscht von den Verlagssoldaten, bei denen oft bloß heiße Luft rauskommt. Im Krieg sind das die, die sich hinter der Front gern mal Eier schaukeln. Glaube ich. Etwas neidisch war ich schon. Außerdem sah der Developer viel besser aus als ich. Wähle einen Beruf, den du liebst, sagte Konfuzius, der alte Klugscheißer, und du brauchst nie mehr zu arbeiten. Komisch. War er nicht auch Freiberufler?

Manchmal kamen Leute zu uns rein. Sie wussten alles besser. Weil es ihr Job ist, alles besser zu wissen. Andere für sich arbeiten zu lassen. Geschäftsführer, Chefredakteure, Anzeigentypen. Wir mussten dann raus. Kaffee trinken, Bier saufen, Hauptsache weg mit den Freien. Stören nur. Dann standen sie breitbeinig vor unseren Geschichten an der Wand. Wortheldisch. Wichtig. Taten so als gäbe es uns gar nicht. Schütteten ihre bunte Soße über die Seiten aus. Bis sie vor Einfalt klebten und rochen vor Arroganz. Einer fragte: Wer fährt denn schon nach Chile? Teneriffa ist doch viel näher. Angeblich hat er bis heute nichts gelesen von uns. Mag lieber Bilder, heißt es im Haus.

Später durften wir wieder an die Arbeit. Weiter machen. Ihren merkwürdigen Befehlen folgen. Dachten sie. Aber von wegen! Waren nicht nur frei. Auch frech. Verliebte Freie, die sich eine Meinung erlauben. Keine gute Mischung für die Karriere. Wischten jedes Mal übers Heft, wenn sie weg waren. Über unser Baby. Über den ätzenden Sud ihrer Ideen. Bis der Zucker verschwand, den sie Anzeigenkunden in den Hintern blasen wollten. Schreckten nicht mal vor Reklame für Männerbinden zurück. So macht Einschiffen wieder Spaß. Wasser lassen in der Wildnis. Inkontinenz? Geht doch alle an, sagten sie. Stimmt, sagten wir. Nicht laut, aber traurig. Konnte nicht gut gehen. Ging auch nicht gut.

Sie trieben uns die Begeisterung aus, schauten den Freien auf die Finger. Die Liebe zerbrach. Herzblut sickerte unter der Bürotür hindurch. Wir sprachen von Leidenschaft. Sie sprachen von Break even point. Auflage? Keine Antwort. Ein paar Mal im Jahr stolzierte ein Berater rein. Glotzend, still, er schwieg abgehoben.Wir waren nur Luft für ihn. Schritt langsam die Wand ab. Er wirkte wie ein General, kurz vor dem Schießbefehl. Kein Blick für uns Frontschweine. So grinst Macht. Murmelte was von Nutzwert, Nutzwert. Was sie bei Burda seit Jahrzehnten murmeln. Verschwand, stumm, kein Dank. Kritiken verfasste er schriftlich. Wir sahen nie ein Wort davon.

Bald schlenderte so ein Typ übern Gang. Lange Haare, Jeans, weiße Turnschuhe, Jacket. Irgendwie austauschbar. Keine Spur von Liebe, ich sah es sofort. Einer, der per SMS Schluss macht. Wenn Erfolg laufen könnte, müsste er genau so aussehen. Lässig, charmant, sicher so ein Ich-mach-dir-alles-besser-zu-einem-besonders-guten-Preis-Journalist. Auch ein Freier, hieß es, mit Agentur. So macht man das, glaube ich. Schlauschwätzend, weltmännisch. Furchtlos. Nur keine Gefühle zulassen. Muss ja nicht weh tun. Muss nur Menschen finden, die dich bezahlen. Eines Tages möchte ich auch mal so sein wie er.

Dann ging alles sehr schnell. Die Leute haben schön gewartet, bis wir mit dem letzten Heft fertig waren. Wie gesagt. Sind ja nicht blöd, bei Burda. Wir schrieben noch 54 Themen auf, die bis ins Jahr 2027 reichen werden. Blinder kann Liebe nicht machen. Hastiger Eifer, sowieso. An einem Freitag mussten wir unsere Schreibtische räumen. Mister Langhaar hatte gut verhandelt. Schneller, billiger, williger? So einer kann das eben.

Die Leute legten ihm unser Baby frisch gewickelt vor die Tür. Es schrie nicht. Aber es roch ganz stark nach unserem Gehirnschmalz. Ich vermisse es sehr.


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I werd narrisch, Schluchtenscheißer!

I werd narrisch, Schluchtenscheißer!

Anruf am Samstag. Herr Schophaus, komme gerade aus dem Flugzeug. Hab da Ihre wunderbare Geschichte gelesen, über Saint Tropez im Bordmagazin. Er säuselte ein wenig, sprach ziemlich undeutlich, ich glaube, er hatte noch den Schlagoberst seiner Melange am Mund.

Er war Österreicher, das hätte mich gleich stutzig machen sollen. Österreicher geht gar nicht. Mit Österreichern hab ich nur schlechte Erfahrungen gemacht. Nicht erst seit dem Tor vom Krankl. Drei zu zwei! Gegen uns. I werd narrisch, brüllten die Schluchtenscheißer. Als ein Flugzeug vom Lauda über Thailand abstürzte, titelte eine Wiener Zeitung: DREI ÖSTERREICHER TOT! Und klein darunter: auch 130 Deutsche unter den Opfern. So weit zu Österreich.

Er klang ganz nett, der Herr Chefredakteur. Wollte unbedingt, dass ich was mache für ihn, wenn ich schon mal da war, in Saint Tropez. So spart man ja auch Spesen. Über einen Strandklub, in den du nur kommst, wenn du mit dem Bentleyschlüssel wedelst. Oder die Yacht neben den reichen Russen in der Bucht parkst.

Ich schrieb und schickte es ihm. 7000 Zeichen für Travellers World, das neue Premium-Reisemagazin. Acht Euro am Kiosk. Er ward zufrieden und mailte: Es gefällt, erlauben Sie uns trotzdem ein paar Anpassungen? Ich erlaubte.

Letzte Woche hielt ich dann das Heft in der Hand. Der Süden Frankreichs von A bis Oh là là. Meine Geschichte war nicht mehr meine Geschichte. Sie wurde dermaßen angepasst, dass einfach nichts mehr passt.

Da hatte einer nicht mit dem Florett gekämpft, sondern mit dem Hackebeil gewütet. Nicht ein Satz wie er vorher war. Der Textchef, dieser Schlächter, hat schließlich einen Doktortitel. Muss man sich das gefallen lassen? Nach 25 Jahren? Muss man nicht. Mein Anwalt kümmmert sich. Aber vorher schlagen wir am Freitag Österreich.


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Schäm dich, FC St. Pauli!

Schäm dich, FC St. Pauli!

Nun schweigen sie wieder alle. Nein. Den Teufel darf es ja nicht geben, auf dem heiligen Geistfeld von Sankt Pauli. Da ist man schließlich anständig, einfach ein guter Mensch, weißt du, nur ehrlich. Mich kotzt es seit Jahren an. Dieses linke Klubgetue, das bigotte Geschwafel; und jahrelang musste man diesen tuntigen Präsidenten ertragen, der lallend vor der Astraflasche saß und vom Anderssein seines Vereins schwadronierte. Freudenhaus der Liga? Pah. Für mich war schon immer viel Muff im Puff.

Und jetzt? Jetzt hat der ach so andere Klub endlich seine hässliche Fratze gezeigt. Politisch korrekt? Dass ich nicht lache. Dieser Verein ist, was die dreiste, brutale Hassbesoffenheit angeht, nicht schlechter und besser als Rostock, Düsseldorf oder Berlin. Dabei sind deren Anhänger schon ekelhaft genug. Letzten Freitagabend war große Offenbarung am Millerntor. Bei diesen pädagogisch wertvollen Puffgängern. Zwei Platzverweise, ein ekelhaftes Foul von Bartels (Pauli), bei dem er offensichtlich die Invalidität von Farfan (Schalke) in Kauf genommen hat. Trainer Stanislawski pöbelt den Schiri an, nennt ihn Pfeife, und sein Kollege Linienrichter kriegt einen vollen Bierbecher an den Kopf. So heftig, dass er zu Boden geht. Spielabbruch? Reicht nicht! Man sollte ihnen die Lizenz entziehen. Die Lizenz zu diesem ewig widerlichen Gutmenschentum.


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Biathlon auf Schalke

Biathlon auf Schalke

Es gibt Wintersport, da stört nur der Winter beim Sport. Um diese eiskalte These auch einigermaßen intellektuell zu erhärten, musste bloß nach Schalke gucken; um das mal ruhrspöttisch zu sagen. Dort gibt es ein Stadion, das mit Fußball noch lange nicht genug hat. Eine riesige Schublade kann den Rasen herausfahren und ihn einfach kurz neben der Veltins-Arena ablegen. Gelsenkirchen eben. Von wegen alle nur arbeitslos, Frittenfresser und Staublunge. Diese Stadt atmet Ideen, von denen ein kleiner mieser Friese nur träumen kann.

Den Winter macht sich Schalke normalerweise selbst. Jedes Jahr, kurz vor Ende des Jahres. Schotten dicht und fertig. Hallenknallen auf Schalke, aber so was von! Doch diesmal gibt es kein Biathlon im Warmen. Keinen Schnee aus der Skihalle Neuss. Weil es draußen schneit. Und wie. Weil Tante Holle die schwere weiße Pracht aufs Dach geschüttet hat, dass es nur so krachte. Ein riesiges Loch, mitten im Gebälk. Ende der Veranstaltung.

Schnee im Winter. So ein Mist. Nicht mal drinnen hat man seine Ruhe vor ihm. Drei Grad, Nieselregen, und schlechte Laune. Das wäre jetzt ein Traum. Dann könnten sie in Gelsenkirchen wenigstens skifahren. Haste gehört? Olle Holle?


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Schmidt happens

Schmidt happens

Immer soll ich mir Schmidt zum Vorbild nehmen. Sagt auch der „Spiegel“.  Schmidt hier, Schmidt dort, Schmidt überall. Was für ein  Schmidteinander. Es steht mir bis Oberlippe Kleinhirnrinde. Drückt mir  auf den Magen. Schreibt ein Buch. Bestseller. Schreibt noch ein Buch.  Wieder Bestseller. Darf im Rauchverbot rauchen. Wenn kümmert es? Loki  und Schmoky. Ständig Leitartikel in der „Zeit“. Hosianna, Giovanni di Lorenzo. Wird die elder Edelfeder eigentlich redigiert?

Unser aller Helmut kurz vor der Heiligsprechung?  Sicher, ein großer Mann. Viel Mut. Viel Weisheit. Viel Schnauze. Gerade  jetzt, wo so viele das Orientierungslos ziehen. Aber muss ich deshalb  Sätze, die nie enden wollen, ertragen? Worte, die sich in  besserwisserische Schnodrigkeit verquasen? Man würde sie vermutlich  jedem Volontär um die Ohren hauen. Aber, pssst, es ist ja Schmidt.  Schmidt hat stets recht. Schon damals bei der Sturmflut von Hamburg. Nur  im Sturm des deutschen Herbstes hätte es ihn fast umgehauen. Sozusagen  dahingeRAFt. Manchmal vergleicht er auch Oskar Lafontaine mit Adolf  Hitler. Wir sind Schmidt.

Hier sitzt deutsche Geschichte, sagt Reinhold  Beckmann und schleimt bis zum Erbrechen. Die Karteikarten zittern in  seiner Hand. Wie oft schon war Schmidt in seiner Sendung? About Schmidt.  Die chronische Altersmilde erträgt plötzlich selbst seine Fragen. Und  jetzt das noch: Wenn Schmidt eines Tages qualmend in den Himmel fährt,  wollen die Deutschen Günther Jauch als Vorbild. Sagen die Deutschen. Und  der Spiegel. Ein Unterhaltungsfuzzi mit Schlaumeierbrille. Als  fifty-fifty-Joker. Hallo, Herr Lehrer, ich weiss was! Genau wie  Schmidt. Aber wann schreibt Jauch endlich Bücher?

P.S: Die Überschrift habe ich von meinem Freund Uwe geklaut. Der müsste mal zur „Zeit“.


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Zu jung, um alt zu sein

Zu jung, um alt zu sein


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