Gorbatschow und Honecker
 

Genossen Gorbatschow und Honecker (hier auf dem SED-Parteitag 1986): Schlüsselwort zur deutschen Einheit (Foto: Bundesarchiv)

Aus dem Glückskeks

„Wer zu spät kommt…“

Nach seinem DDR-Besuch vor 15 Jahren wurde Gorbatschow überall mit dem Jahrhundertspruch zitiert: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ Doch der historische Satz war auf keiner Aufnahme zu finden. Wer hat ihn wirklich gesagt?

Von Ulla Plog

Der 40.Geburtstag der DDR, damals, vor ziemlich genau fünfzehn Jahren, war ein eher unglücklicher: Dem Staat lief gerade das Volk weg. Züge mit Hunderten von Flüchtlingen aus der bundesrepublikanischen Botschaft in Prag rollten durchs Land. Tag für Tag krochen junge Leute in Ungarn durch einen aufgeschnittenen Zaun in den Westen.

Derweil sangen in der Volkskammer alte Männer mit Arbeiterliedern gegen den Wind des Wandels an, als könnte das noch helfen. Zum Staatsgeburtstag kam Michail Gorbatschow nach Ost-Berlin. Was würde er sagen bei seinem Besuch im Frontstaat, fragte sich die Welt. Doch als der Kreml-Chef wieder abreiste und überall mit den Worten „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ zitiert wurde – und diese Worte eine gewaltige Wirkung entfalteten -, da war Gorbatschows Jahrhundertspruch auf keinem Tonband, keiner Filmrolle zu finden.

Wie also ist er in die Welt gekommen? Der 6.Oktober 1989 war ein klarer Herbsttag. Die Limousine des sowjetischen Staatsgastes rollte durch ein leer geräumtes Ost-Berlin, dessen Boulevards jetzt noch breiter aussahen als sonst. Gruppen jubelten am Straßenrand, manchmal rief jemand „Gorbi“, und Fahnen wehten. An der Neuen Wache unter den Linden stoppte die Wagenkolonne. Und dann: Nach der Kranzniederlegung für die Opfer des Faschismus trat Gorbatschow vor das Mahnmal und nahm überraschend Blickkontakt mit der Kamera der ARD auf.

„Er kam direkt auf uns zu“, erinnert sich Claus Richter, damals bei der „Tagesschau“, an soviel Reporterglück. Hatte es das schon mal gegeben – einen Sowjetführer, der vor der Westpresse spontan eine Erklärung abgibt? Es war ein langes Statement. DDR-Dolmetscher Arno Lange übersetzte im Hintergrund, aber an die genauen Worte erinnerte sich, wie so oft beim Fernsehen, nachher niemand mehr.

Alles passierte zur gleichen Zeit

Sondern an Gorbatschows pochende Schläfen, den malenden Unterkiefer – an die eigene Gänsehaut beim Gefühl, dass sich in diesem Moment die Geschichte ballte und man zusah. Die Szene an sich war die Botschaft. Ungefähr 30 Millionen Zuschauer sahen die Sternstunde am Abend in der „Tagesschau“. Am Tag danach, am 7. Oktober, passierte alles zur gleichen Zeit. Während der Staatsbesuch nach sozialistischem Prunkritual ablief, sammelten sich auf den Straßen die ersten Demonstranten.

Auch lagen die Spannungen zwischen Hardliner Honecker und Reformer Gorbatschow jetzt offen. Am Vormittag nahmen die beiden gemeinsam die Truppenparade ab, aber nachher war Gorbatschow im DDR-Fernsehen am Bildrand immer mal wieder abgeschnitten. Grauenvoll muß die Stimmung um die Mittagszeit beim Vier-Augen-Gespräch der beiden und bei der Sitzung mit dem Politbüro im Schloss Niederschönhausen gewesen sein.

Am Nachmittag saßen die Cutter beim ostdeutschen Fernsehen in Adlershof und schnitten die provozierenden „Gorbi“-Rufe aus den Filmen. Als der russische Staatschef gegen Abend beim Festakt seine Toasts auf die DDR ausbrachte, begannen die großen Demos ganz in der Nähe am Alexanderplatz. Die ersten Kommentatoren im Westen zeigten sich enttäuscht über die Zurückhaltung des sowjetischen Staatschefs, da stand plötzlich in allen Medien dieser Satz: „Wer zu spät kommt…“ wurde ein Schlüsselwort zur deutschen Einheit – der Anfang vom Ende der DDR.

Wenn man sich die Worte entspannt betrachtet, dann sind sie einfach eine betuliche Spruchweisheit. Damals aber war es, als habe alle Welt auf den Spruch gewartet. Die Medien brauchten ihn, denn dies war die einzige griffige Formulierung in einem Meer von diplomatischen Konjunktiven. Und in der DDR war er ein Fanal. Der erste Dissens zwischen der DDR und der Sowjetunion. Ein Signal zum Aufbruch, ausgerechnet von der Besatzungsmacht.

Geheime Botschaft

Da die Ostdeutschen Weltmeister waren im kryptischen Lesen, entdeckten sie dazu noch die geheime Botschaft, daß die sowjetischen Panzer in der Kaserne bleiben würden. Bei dieser davongaloppierenden Geschichte fragte erst mal niemand, wann der russische Staatsmann den Satz fürs Geschichtsbuch denn gesagt hatte. Für das kollektive Gedächtnis war das ohnehin klar: Natürlich da, wo wir ihn alle im Fernsehen gesehen hatten – bei seinem Auftritt vor der Neuen Wache.

Anfangs protestierte Claus Richter, der Mann, der den „Tagesschau“-Beitrag gedreht hatte, noch dagegen und zeigte ihn zum Beweis einem Kollegen von der dpa. Schau her, die Worte sind so nicht gefallen. Schließlich benutzte er sie selbst, mit schlechtem Gewissen. Auch Arno Lange, der Gorbatschow vor der Neuen Wache übersetzt hatte, wehrte sich vergeblich, wenn Freunde, Kollegen, Nachbarn behaupteten, die berühmten Worte seien aus seinem Mund gekommen.

Später hatte Lange Gelegenheit, den Film von der Neuen Wache zu sehen. Er hatte sich nicht getäuscht. Der Kernsatz hieß „Gefahren warten nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren“ und glich dem gesuchten nur von fern. Der Filmschnipsel machte seine eigene Karriere. Im Deutschen Fernseharchiv in Berlin wurde er hinter Gorbatschows Ankunft auf dem Ost-Berliner Flughafen einsortiert – und dieser Ankunft fortan zugerechnet.

Etliche Fernsehdokumentationen gaben die Erkenntnis weiter, der Merksatz sei in Schönefeld gefallen. Bücher, Aufsätze, Zeitungsartikel schreiben das geflügelte Wort der freien Übersetzung eines Dolmetschers zu: eine Phantom-Arbeit also. Wenn schon nicht vor der Neuen Wache, dann bei den Gesprächen in Niederschönhausen. Tatsächlich wiederholte Gorbatschow vor Honecker und der ostdeutschen Führungsriege fünf-, sechsmal sein Reform-Mantra.

Wir haben in der Sowjetunion die gleichen Probleme

Der Text seiner Rede wurde vier Jahre später veröffentlicht. Der Kreml-Chef argumentiert darin leicht philosophisch mit dem Leben, das Verspätungen bestrafe, was nicht so richtig marxistisch war im Sinne des Vollzugs der Geschichte, aber sehr diplomatisch, und verband das Ganze mit einer Selbstkritik: Wir haben in der Sowjetunion die gleichen Probleme.

Wortwörtlich übersetzte Helmut Ettinger, Star-Dolmetscher der DDR: „Ich halte es für sehr wichtig, den Zeitpunkt nicht zu verpassen und keine Chance zu vertun… Wenn wir zurückbleiben, bestraft uns das Leben sofort.“ Das ist nahe dran am gesuchten Wort. Aber kann sich jemand vorstellen, daß ein Dolmetscher in einem hochbrisanten Gespräch zwischen zwei Ostblock-Chefs die Chuzpe besessen hätte, daraus den flotten Spruch „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ zu machen?

Ein Orakel, das sich später gegen Erich Honecker selbst wenden konnte? „Die Atmosphäre“, sagte Helmut Ettinger in einem späteren Interview, „war nicht so, daß man Klartext hätte reden können.“ Außerdem: Alles, was im Politbüro passierte, war geheim. Hatte etwa ein Russe diese Worte nach draußen getragen?

Ein paar Stunden nach Gorbatschows Auftritt vor dem Politbüro dann, gegen 18 Uhr, gab Gennadi Gerassimow, persönlicher Sprecher des sowjetischen Staatschefs, eine informelle Pressekonferenz, bei der zwei Welten aufeinanderstießen: Nomenclatura auf „spin doctor“. In der DDR herrschte noch der klassische Betonstil.

Ein russischer Soundbite

Gerassimow dagegen hatte für Gorbatschows Reformen mit dem Sinatra-Lied „My Way“ geworben und den Spruch „Malta ist nicht Jalta“ erfunden. Bei dieser Pressekonferenz fiel der Satz „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ zum ersten Mal, und er fiel auf englisch und wahrscheinlich auf russisch. Formuliert hat ihn Gerassimow.

Die deutsche Übersetzung stand um halb sieben abends in einer Meldung der AP, drei Minuten später in einer der dpa. Wie das Wort zustande kam, lässt sich nur zusammenpuzzeln. Gerassimow hatte sich vor die zufällig hier auf Nachrichten wartenden internationalen Presseleute gestellt und ihnen erzählt, worum es bei den Gesprächen zwischen Gorbatschow und Honecker gegangen war.

„Es war irgendwo draußen, wahrscheinlich vor dem Staatsratsgebäude“, erinnert sich Jürgen Metkemeyer, damals AP-Korrespondent und jetzt stellvertretender Chefredakteur der „Frankfurter Rundschau“, und sieht sich noch stehen mit Lederjacke und Kassettenrecorder. Er glaubt, daß die griffige Übersetzung des historischen Satzes im sprachlichen Pingpong unter Journalisten entstand, ein Gemeinschaftswerk, so einigen sie sich oft auf Statements.

Das Band löschte er am Anfang der folgenden Woche, es schien nicht wichtig. Heinz Joachim Schöttes, von dem die dpa-Meldung stammt, weiß noch, dass er den Spruch übersetzt hat, aber wo und wann, das ist aus seinem Kopf verschwunden. Gerassimow wusste, was Journalisten brauchen: einen Soundbite. „Ich glaube, Sie wollen das genau von mir wissen“, sagte der sowjetische Außenamtssprecher laut „Chicago Tribune“ und kündigte ein Zitat von Gorbatschow an, das sein Treffen mit Honecker charakterisiere.

Das hat der Gerassimow zu Ende gedacht“

Und dann kommt es: „Those who are late will be punished by life itself.“ Das höre sich an wie aus einem Glückskeks gezogen, kommentierte der amerikanische Reporter weitsichtig, aber im Kontext osteuropäischer Gipfel seien dies starke Worte. Als die Reporter genau wissen wollten, auf wen sich die Kritik bezogen habe, antwortete Gerassimow sibyllinisch: „Wir sprachen über unsere eigenen Erfahrungen. Aber Journalisten interpretieren die Dinge.“

Er hatte erreicht, was er wollte: Die Botschaft vom entschlossenen Reformer, die Gorbatschow selbst nicht deutlich machen konnte bei seinem Besuch, wurde überall verstanden. Vor gar nicht so langer Zeit machte Michail Gorbatschow auf die Frage, wie es gewesen sei mit dem Zitat, das in Deutschland eine so große Rolle gespielt habe, seinem ehemaligen Sprecher ein Kompliment: „Das hat der Gerassimow zu Ende gedacht.“

Erschienen in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ vom 6. Oktober 2004